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7. Never Mind

"Du brauchst einen Plan, was Du einmal werden willst!", hieß es mit einem Mal und der Auftrag zielte keineswegs auf ein Heldendasein ab. Niemand fragte schließlich, wer ich einmal werden will. Mir machte es Angst, dass offenbar alle anderen einen solchen Plan haben sollten. Da mir anscheinend niemand bei dessen Entwicklung mit dem nötigen Verständnis bei Seite stehen wollte, beobachtete ich, was die anderen taten. Da offensichtlich alle an dieser Welt ihren Spaß hatten, ging ich davon aus, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte. Auf irgendeine Weise war ich scheinbar ein Andersdenkender geworden. So fühlt es sich jedenfalls an, wenn man nicht weiß: "Ist alles so toll, wie es scheint?" Um meiner Dissonanz mit dem Geschehen um mich her Ausdruck zu geben, kleidete ich mich schwarz, trug mein Haar lang, und verweigerte mich zunehmend den üblichen Ritualen. Scheint es nur mir als unaufrichtig, wie sie sich verhalten und hinterfragt denn niemand, ob es gut oder falsch ist, alles so zu tun, wie "man" es macht. Ich distanzierte mich von dem "Man" und den Vielen. Verabredeten sich die anderen doch scheinbar nur zu sinnlosen Feiern, auf denen mit Smalltalk Freundschaft geheuchelt wurde. Am Ende aber schien jeder und jede dennoch ihre Erfüllung gefunden zu haben. War alles nur Oberfläche, oder war die Oberfläche schon alles? Als gäbe es eine Geheimsprache, die mir niemand beigebracht hatte. Waren das die Praktiken und waren Täuschen und Überlisten wiedererwarten doch eine Tugend? Während die anderen Partys veranstalten, wunderte ich mich über Freud und Leid in dieser Welt und hing meinen Frauenträumen nach. Langsam baute sich eine innere Hülle auf, die mich schützen sollte und die mich verbarg hinter einer Maske aus Coolness und Souveränität. Ich simulierte Unabhängigkeit. War man mir damals begegnet und hatte man mich gefragt, was ich mit meinem Leben anfangen will, so entgegnete ich: "Kein´ Plan!" Was nur konsequent war in einer Zeit, da die gängige Parole lautete: "No future!"

Ob es Trotz war oder nicht, ich habe es so gefühlt. Ich lief durch die Straßen und steckte nur kurz meine Nase in die Kneipen, Discos und Clubs in denen Freude und Ausgelassenheit zu herrschen schienen. Ist das Leben ein Als ob? Gibt es nirgendwo einen festen Grund? Lebten wir deshalb in diesen doppelten Welten, und war das der eigentliche Grund für den Drogenkonsum? Es war nicht cool, es war ein letzter Ausweg. Insgeheim stellte sich jeder die gleichen Fragen! Die Kunst lag nur im angemessenen Verdrängen. Was ist mit den Werten und der Gerechtigkeit, was in jeder der Geschichten, die man sich erzählte, das höchste zu erreichende Gut waren. Niemanden schien sich im echten Leben darum zu scheren oder auch nur zu interessieren. Nirgendwo hielt es mich! Ich sah überall Krieg und Streit, Anmaßung und Leid, Hunger, Sex und Unterdrückung, während allerorten von Liebe, Verständnis und gegenseitiger Hilfe gepredigt wurde! Nein, ich war fremd in dieser Welt, in der sich alle darum bemühten sich zu amüsieren. Das Leben musste ein riesiger Spaß sein, und war nur mir so fremd? Meine Freunde wurden weniger, sie hielten mich für arrogant. Ich reagierte mit einem verächtlichen "Fuck Off", und die Spirale in die Einsamkeit nahm ihren Lauf. Aber was machte das Leben lebenswert, wenn ich nicht so sein konnte, wie ich war?! Jedes Mal, wenn ich so dachte, erschein allerdings sofort ein großes Aber: Vielleicht wusste ich einfach nicht, wie ich wirklich war und was ich zu tun hatte! Wer sagte mir, ob ich nicht über jenen Schatten springen musste, der sich mir in den Weg stellt, jeden Tag wieder, dann würde sich auch mir das Glück erschließen. Nur einer blieb für immer: Der Zweifel. Niemals mich verleugnen - das stand ganz oben in meinen Geboten. Das durfte nicht geschehen, ich musste immer ich selbst sein. Die Aufrichtigkeit mir gegenüber und dem, was ich wollte, das war das Letzte, was ich aufgeben durfte! Ich schlug meinen Mantelkragen hoch und begleitete mich selbst in den Schaufenstern der Stadt und durch die Pfützen auf dem Asphalt.

 
FROM THE BEGINNING
   
Personen
PART 1
Songs
Zeitgeistin, M., B.B., Mr. Neutron, ...
1.a Prolog
Wir hatten seit mehr als dreißig Jahren nicht voneinander gehört, als das Telefon klingelte und M. mich unvermittelt fragte, ob ich ihm den Gefallen tun könnte, ihn vom Krankenhaus abzuholen und ihn "endlich nach Hause zu bringen", wie er sich ausdrückte. Als ich den Wagen stoppte, wie von ihm angewiesen, standen wir vor einer Villa - ehemals die seiner Eltern -, und er dankte mir und verabschiedete sich mit den Worten, er wollte eigentlich seine Wohnung niemals wieder betreten, aber ... Mit einem Achselzucken stieg er aus dem Wagen. Das ereignete sich zwölf Monate nachdem er seinen Selbstmordversuch überlebt hatte. Von dem ich erst während dieser Fahrt erfahren hatte. Noch nie sprach jemand so offen zu mir, wie M. auf jener Autofahrt. Ich fühlte mich ihm näher denn je. Er müsse jetzt viel nachdenken sagte er mir, "Nicht jeder bekommt eine zweite Chance!" Damit hatte er verdammt recht, doch gleichzeitig grinste er dabei so ungläubig, dass es mir schwer fiel, ihm abzunehmen, dass er daran wirklich glaubte. Vielmehr schien seine Mimik sagen zu wollen: "Mal sehen, wie lange ich es diesmal durchhalte!" Als ich losfuhr, nachdem ich noch einige Minuten still verharrend im Wagen über seine Worte nachgedacht hatte, sah ich noch, wie er dabei war sämtliche Vorhänge und Jalousien zuzuziehen. In dieser Nacht geschah ihm das Unverhoffte.
 

»A Genesis«
M., The Gamer, B.B.
 
1. Closed Paradise
Der Aufenthalt in der Rehabilitations-Klinik dauerte beinahe ein Jahr. Man hat sich sowohl körperlich als auch mental fürsorglich um M. gekümmert und ihn letztendlich als psychisch stabil eingestuft entlassen. Es war eine anstrengende Zeit und M. fühlt sich immer noch leer, allerdings auch irgendwie erleichtert, obgleich er keine Ahnung hat, was er nun mit dem wiedergewonnen Rest seines Lebens anfangen soll. Das mit dem Glück und dem Schmied haben sie ihm in der Therapie zur Genüge versucht klar zu machen, doch das war ihm doch nichts Neues, es kam ihm so alt und so verdammt bekannt vor. Und sobald er darüber nachdachte, tat sich ihm wieder der Spalt auf zwischen Einsicht und Handeln, zwischen Philosophie und Leben. Für ihn steht nur eines fest, dass er an sein altes Leben nicht wieder wird anknüpfen können.

Er legt seine Sachen ab und schließt als erstes die Fensterläden seines alten, neuen Zuhauses, das ihm gänzlich fremd erscheint. Er lässt alle Jalousien herunter und, als sei es noch nicht genug, zieht er sämtliche Vorhänge vor die mannshohen Fenster. Die alte Villa hat ihm schon immer Angst oder zumindest Respekt eingeflößt. Heimisch hat er sich hier nie gefühlt. Auch nicht damals, als er noch zu Besuch hierhergekommen war. Zumeist in den Ferien, für einige Tage, immer dann wenn seine Eltern für sich sein wollten. Da er sie nun alle überlebt hatte, sowohl seine Eltern, als auch seine Großtante, die letzte stolze Besitzerin des Anwesens, konnte er sich Eigentümer dieses herrschaftlichen Hauses bezeichnen. Wohl fühlt er sich dennoch nicht. Als Erbe beschleicht ihn sowieso stets das Gefühl einer Spezies der Schmarotzer anzugehören. Er hat es sich nicht verdient, hier zu leben, was er aber auch zu keiner Zeit angestrebt hatte. Auffallend ist, mittlerweile stört er sich an derlei Dingen kaum noch ernsthaft. Vieles in seinem Leben war nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Man gewöhnt sich daran. Und im Vorstellen, da war er schon immer Weltmeister gewesen. Er denkt ungern zurück, an die ganzen Spinnereien und Utopien, die er sich ausgemalt hatte, von einer gerechten und vernünftigen Welt und einer Menschheit, die von der reinen Wissenschaft geleitet im Jahre 2050 schließlich friedfertig auf dem Mond in phantastischen Glaskugeln wohnen würde und mit ihren Kindern jeden Sonntag einen Ausflug zu den berühmtesten Kratern machen würden. Fortschritt galt ihm da noch als Verheißung. Er war das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Doch mehr als Sentimentalität war nicht daraus geworden.

Es war beschlossene Sache, und eigentlich das Resultat seiner lange andauernden Grübelei, gegen sein eigenes Leben und sich selbst. Er will sich dieser Prozedur nicht länger aussetzen, nicht länger nachdenken, endlich seinen Frieden finden: Er kehrt nun endgültig der Welt dort draußen den Rücken. Er will sich allem weiteren Scheitern verweigern. Weltverweigerung scheint seine noch einzig verbliebene Motivation zu sein, angesichts der gescheiterten Utopien, und einer offensichtlich dem Schwachsinn verfallenen Menschheit. Die Welt hat ihn nicht weniger als um sein Leben betrogen, weshalb sollte er noch einmal einen Schritt nach draußen, auf sie zugehen? Er wollte es deswegen schon beenden, und wenn es nun sein Los war, weiter machen zu müssen, dann in seiner eigenen Welt, in der er der Held ist! Es gibt niemanden, dem er noch verbunden ist. Es ist gewiss auch zum Teil seiner bevorzugten Situation geschuldet, in die die unerwartete Erbschaft ihn gebracht hat. Und die es ihm erlaubt, sich abzuwenden. Er ist versorgt bis zu seinem Ende, wenn er nicht große kapitalistische Fehler begehen würde. Und gleichzeitig ist es so etwas wie der Vorschuss für sein Ende. Er sitzt im gemachten Nest, in einer sicheren, behüteten Welt. Und ja es stimmt, noch nie zuvor ging es der Menschheit so gut wie heute, - aber ist die Utopie seiner Generation deshalb schon aufgegangen? Noch nie erschien ihm die Welt auch so irre, und er konnte sich, gemessen an den äußeren Umständen, selbst noch zu den Glücklichsten zählen, denen es unverschämt gut ging! Weswegen, ist er es dann nicht? Was hindert ihn glücklich zu sein? Alle diese Widersprüche lähmten ihn, machten ihn selbst irre und hinderten ihn irgendetwas zu tun. Es sind die unauflösbaren Wiedersprüche, die er schon einmal glaubte, nicht mehr aushalten zu können. Sollte er sich deswegen schämen? Konnte er selbst etwas dafür? Verpflichtete ihn der Vorzug seiner Geburt und Existenz zu irgendetwas? Jede Generation ist eine geworfene, in eine Welt, die sie selbst ja nicht gemacht hat. War es etwa seine Entscheidung - 1964 -, auf diese Welt zu kommen? Keineswegs will M. ungerecht sein, denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen hatte. Aber auch das lag außerhalb seines Verantwortungsbereiches; der - und das ist ihm wahrscheinlich das Schlimmste - ihm immer mehr abhandenkam. Er ist und war nun einmal ein männliches, westliches, weißes Kind aus einer wohlbehüteten Kinderstube - ganz ohne sein Zutun. Und hat er es nun versaut?


M. greift zum Telefon und bestellt sich noch etwas zu essen. Dann setzt er sich an seinen Computer. Ein weißer Lichtblitz durchzuckt das vollkommen abgedunkelte Zimmer, kurz bevor ein tief blauer Schimmer sich auf die Wände legt. Er startet ein Spiel, er ruft seine Welt auf! Endlich in seine Welt fliehen - und wenn Schopenhauer recht behalten sollte, wäre es eh immer nur die seine, die von ihm vorgestellte Welt, in die er sich begibt. Da sollte es egal sein, ob sich ihm diese auf dem "Holo-Deck" realisiert. Das einzige Ziel ist schließlich, der Held des eigenen Lebens zu sein!


»Closed Paradise«
     
M., The Many, B.B
2. Our Generation - Part One (Hope & Illusion)

Während die neuen Welten heraufziehen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, unbekannte Universen das Zimmer erfüllen und das Spiel M.´s Avatar in Stellung bringt, versinkt M. in seinen Gedanken. Er fühlt sich wehrlos seinen Erinnerungen ausgeliefert und sieht sich plötzlich - wie aus sich herausgetreten - von außen, inmitten seiner ungezählten Kollegen und Kolleginnen seiner Generation. Er erkennt seine einstigen Schulfreunde und Betula, seine unvergessene Liebe und alle Gefährten seines Lebens. Zusammen mit den Gesichtern seiner Generation, steht er im Kreis um den spielenden M., beobachtend, wie der mit aufgerissenen Augen paralysiert in drei große Bildschirme starrt.

Gemeinsam stimmen die Vielen ein Lied an. Sie singen und resümieren über eine verspielte Generation, ihre Generation? Was ist deren Rolle heute, als Teil der alten, analogen Welt, die zu Ende geht und in der sie selbst die Letzten ihrer Spezies gewesen sein sollten? In ihrer Liebe zum Fortschritt und ihrer Unersättlichkeit am Guten und ihrer Begeisterungsfähigkeit zur Illusion haben sie doch auch die Gadgets und Chips ersonnen, die computergesteuert die Menschheit in die Globalisierung beförderten. Sie haben ja tatsächlich ins Leben gerufen, was in ihrer Kindheit noch als Science-Fiction galt. Und sie taten es nicht einfach so, sondern weil in einer vernetzten Welt der Zukunft niemand mehr den anderen als "Feind" bezeichnen sollte. In den unendlichen Weiten des Universums sollte Leben gefunden werden, das uns ungeahnte Erkenntnisse vermitteln würde und dem wir im Gegenzug Liebe und Frieden lehren würden. Ideale einer alten analogen Welt, die wir geradezu selbstverschuldet zu Grabe getragen haben? Weil wir sie eigentlich hinter uns lassen wollten, indem wir alles dem Fortschritt opferten, allein um des Fortschritts Willen!?

Gemeinsam singen sie von ihrem Zuhause, in dem sie unantastbar sind, in das sie sich zurückziehen, und von der neuen, digitalen Welt, dort draußen, in der sie die Ersten sind, die sie entdeckt haben, ja eigentlich selbst kreiert haben, und dennoch nicht ihre Gesetzmäßigkeiten verstehen und wahrhaben wollen? Die Letzten sollen die Ersten sein! Doch was nützt es ihnen, wenn die Ersten schlussendlich zu alt sind, um noch zu verstehen? Sie fragen sich, wo war der Moment, als das Ende ihrer Individualität - der Vielen - eingeleitet wurde? Ihre Chancen, Möglichkeiten und Hoffnungen auf eine intelligente, moderne Welt enttäuscht wurden, obgleich sie Teil und Ursache derer waren, die das Neue wollten und dabei nur das Alte zerstörten?

 

Der Chor verstummt, das Licht erlischt. Der Raum ist nur noch wohliger Uterus. M.´s Mimik verzerrt sich angestrengt, er verschmilzt mit seinem Avatar und mutiert zum Gamer. Für ihn gelten nun nur noch die Befehle der Maschine: "Start the game! Load the weapon! Break the score! Be the hero of your game!" Aus den Lautsprechern dringen Detonationen, Motoren- und Düsenlärm, das Zischen der Raumschiffe, die durch Raum und Zeit schießen. Schüsse und Schreie, Schussfeuersalven versetzen den Gamer in sein selbstgewähltes Inferno aus Feuer, Blitzen, Rauch und Trümmern, das er beherrscht! M. kämpft als The Gamer um sein Leben - hier ist er Gott!

 


»Our Generation - Part One«
     
M., The Child
 
3. The Child

Der Gamer stürmt im Lichtkegel seiner persönlichen Drohne durch die Gassen und Straßen einer zerschossenen, menschenleeren Siedlung. Plötzlich hält er inne. Aus einem der zertrümmerten Häuser vermeint er einen Schrei oder ein Rufen gehört zu haben. Er dringt in die Ruine des Wohnhauses, seine Drohne dicht bei ihm, den Weg erhellend. Vielleicht lassen sich noch Zivilisten retten. Hektisch kämpft er sich über Schutt und durch Berge von Trümmern. Raum um Raum durchsucht er die dunkle Behausung, die von Staub durchsetzte Luft erschwert das Atmen und lässt keinen weiten Blick zu. Am Ende des Flurs angekommen bricht er die letzte noch verschlossene Tür auf.
Mit größtmöglicher Aufmerksamkeit stößt er ins Dunkel vor. Seine Drohne zieht ihre Lichtspur durch die Finsternis. In das Zimmer dringt langsam die Staubfahne vom Flur herein. Im Lichtkegel seiner Drohne bemerkt er in einer Ecke des Raumes eine Bewegung auf dem Boden. Er kann sich gerade noch zurückhalten und unterlässt es, seiner ersten Reaktion freien Lauf zu lassen und darauf zu feuern. Er erkennt ein kleines Kind, das noch zu jung scheint, um laufen zu können. Die Silhouette des Gamer zeichnet sich im Licht der offenen Tür ab und muss für das Kind erschreckend und Furcht einflößend sein. Doch es krabbelt unbeeindruckt von der Situation auf einer zerfetzten Matratze um ein Buch herum und deutet mit seiner kleinen Faust darauf, als habe es den Gamer erwartet und wollte ihm etwas zeigen.
Der Gamer wischt sich den Schweiß aus den Augen und leuchtet die Ecke aus. Er legt seine Waffe ab und nähert sich der Matratze. Das Kind will ihn offenbar ansprechen, aber vermag noch keine Worte hervorzubringen. Der Gamer kniet sich nieder, beugt sich zu dem Kind auf die Matratze und versucht zu erkennen, worauf es die ganze Zeit hartnäckig hindeutet. Im Schein der Lampe erkennt er, ein aufgeschlagenes, reich bebildertes Buchs, welches das Kind ihm offensichtlich zeigen will. Er setzt sich, nimmt das Kind in den Arm und legt sich das Buch auf die Knie. Nach genauerem Betrachten der Darstellungen, kommen ihm die Darstellungen seltsam vertraut vor. Er sieht sich alles ganz genau an. Noch kann er nicht erinnern, wo er sie schon einmal gesehen hat, ja er ist sich nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt je schon einmal gesehen hat. Vielmehr schickt ihm jede der abgebildeten Situationen einen Schauer über den Rücken. Alles ist sehr bekannt und irgendwie innig vertraut, aber ohne sich ihres Anblicks erinnern zu können.
Als könnte er diese Momente wieder spüren, die Gerüche wahrnehmen und die Situationen erleben, so nah ist er den abgebildeten Situationen. Augenblicke der Ewigkeit vergehen, dann sieht er erschrocken zu dem Kind, das ihm jetzt ebenfalls unheimlich vertraut erscheint. Spontan ergreift er dessen Hand und klappt das Buch zu. Er will wissen, was er da in Händen hält. Die neun goldenen, in Leder gravierten Buschstaben auf dem Buchdeckel verraten ihm, es ist sein

"L i f e a l b u m".


Da sieht er das Kind erneut an und weicht erschrocken zurück. Er ist drauf und dran aufzuspringen. Er erkennt sich in dem Kind wieder. Es ist das Kind, das er - M. - vor langer Zeit einmal war. Er sieht in seine Augen und sie sehen ihn an. Er fühlt, wie sich Blicke treffen, die es nicht geben dürfte. Das Kind öffnet ihm den Buchdeckel erneut und stiert M. jetzt mit einem glühenden Blitzen in seinen gar nicht mehr kindlichen Augen an und der unmissverständliche Blick lässt jeden Widerwillen in M. vergehen. M. ist, als müsste er sich übergeben, weil er weiß, dass es jetzt kein Entkommen mehr gibt. Er begibt sich auf die Reise durch das eigene ICH!


»The Child«
     
 
PART 2
 
   
The Child, The Devil
4. The Devil Lies Under My Bed

Also, ich: Ich bin ein Kind des 20. Jahrhundert - wie der Zufall es will - im vierundsechzigsten Jahr geboren. Meine Wiege stand im Grünen und die Sommer waren heiß. Die Glocken klangen vertraut vom nahen Kirchturm herüber und die Tage nahmen ihren bedächtigen, regelmäßigen Lauf. Man prophezeite mir, es sollte nicht viel geschehen, wenn ich mich stets an die mir zugedachten Pflichten hielte. Und sofort stellte sich mir die erste Frage, auf die ich nie eine Antwort bekommen sollte: Wie konnte man nur immer wissen, was das richtige zu tun wäre und was man denn konkret zu tun hatte? Keiner sagte einem klar und deutlich, was das Leben bringen sollte. Nur, dass man nicht abweichen durfte, das schien ausgemacht! Eigenlob stank noch, und der Esel nannte sich immer zuerst! Ich also, kam immer erst danach. Alles war in Andeutungen verpackt und selbst das, was man Aufklärung nannte, kam in Verschlüsselungen daher. Als sprächen die Erwachsenen allwissend in geheimer Erwachsenensprache, die man erst zur Gänze verstehen würde, wenn man erwachsen sein würde. Bis dahin bestand die Welt hauptsächlich aus Metaphysik, ohne dass wir wussten, was das war. Jeder spielte seine Rolle todernst mit einer Selbstverständlichkeit, die einen nicht im Entferntesten daran denken ließen, dass etwas nicht so sein könnte, wie es war. Nur unerklärlich für mich blieb, woher jedermann ganz selbstredend zu wissen schien, was er zu tun hatte. Ein Mann muss tun, was er tun muss, wie es so dumm hieß! Und selbst einige meiner Schulkollegen taten ständig so, als wäre alles klar.

Die größte Show im Dorf allerdings fand immer am Sonntag statt. Da musste jeder hin, daran war nicht zu rütteln. Zur Kirche hatte man zu gehen, egal wie alt und erfahren man war. Das Heilige besteht stets aus Grundsätzlichem und brutaler Konsequenz im Handeln. Man droht dort gerne! Dort, wo die wenigsten Abweichungen genehmigt sind, dort wird es am heiligsten. Das war beim Vater und beim Heiligen Vater, der aber nur immer seine Vertreter schickte. Man lernte schnell die Welt von Oben nach Unten zu lesen und begriff dabei instinktiv, dass Unten dort war, wo man sich selbst befand. Die einzige Hoffnung bot offenbar das Älterwerden. Wenn es eine Aussicht auf Aufstieg in der Hierarchie der Welt geben sollte, dann lag sie vor allem im Altern. So hieß es endlich erwachsen werden, dann musste es gut sein! Um das anständig über die Bühne zu bekommen, sollte man bis dahin die Regeln befolgen.

Jede Nacht fragte ich mich, ob ich heute wohl alles richtiggemacht hatte. Mein Verhalten niemandem Anlass zur Beanstandung gegeben hatte. Es waren mir die Schlimmsten Moment des Tages; den Tag Revue passierend erkennen zu müssen, dass ich jemanden ungerecht oder schlecht behandelt hatte. Das Tragische dabei war: Man konnte nie wissen, sich nie sicher sein, alles war Vermutung! Das war wie gemacht, um größtmögliche Selbstdisziplin zu erzeugen, was mir damals allerdings keineswegs bewusst war. Geredet wurde eh nicht viel auf dem Dorf und das Wenige bestand aus Andeutungen für den Kreis der "Wissenden", zudem man sich dazu zählen konnte oder eben nicht. Oder zu denjenigen, die so taten, als wüssten sie, um was es geht im Leben. Wäre man aufrichtig gewesen, hätte die Mehrheit zugeben müssen, dass sie von nichts wusste, und alle nur aus Unsicherheit zur Maskerade verleitet waren. Damals wurde mir beigebracht, dass Wissen zu heucheln, Zugehörigkeit sichert. Und das ist wohl eine der wenigen allgemeinen Wahrheiten, nur hatte ich das Gefühl, Zugehörigkeit war mir nicht so wichtig, wie die Wahrheit, womit die meisten am wenigsten rechneten. So sah ich, wie sich mir Spielraum eröffnete, die Unsicherheit zwar vermehrte, aber mir die Möglichkeit offenhielt, die anderen das ein oder andere Mal vor den Kopf zu stoßen. Wer nicht um jeden Preis dazugehören will, den kann man nicht erpressen! Des nachts allerdings zu spekulieren, ob man auf dem rechten Weg sei, bekam mir gar nicht gut. Jede Nacht wurde ich von Versagensängsten heimgesucht. Das Kind kämpfte mit seinem Gewissen. und damit, dass es regelmäßig das Bett vollpinkelte. Welcher Sinn steckt überhaupt dahinter, dass ich existierte? Wäre nicht alle Unsicherheit aufgehoben, wenn es mich gar nicht gäbe? Weshalb nur hat man mich ohne meinen Willen hierher - auf diese Welt - gebracht, wenn ich nun hier in meinem Bett vor Angst jede Nacht beinahe sterben sollte, oder wollte?
Da musste wohl Gott dahinterstecken, wie man so sagte, dessen Geschichten ich sonntags anhören musste, in der Hoffnung auf Erlösung - wovon auch immer! Und gerade noch ehe mein Gedankenkarussell sich überschlagen sollte, raunte mir dann schließlich diese Stimme zu, die durch die Kissen direkt in meinen Kopf drang. Es schauderte mich und gleichzeitig klangen die Worte warm und von Ruhe getragen, dass sie mich vollständig durchdrangen. Es faszinierte mich und verhieß mir - da jemand zu mir sprach -, dass ich doch nicht allein war, es jemanden gab, der es gut mit mir meinte. Er sei der Lichtbringer, dessen Helligkeit mir die Rätsel erhellen würden, die mich umtrieben. Der mir die Nächte erträglich und meinen Kopf erleichtern würde. Er, der Teufel, wüsste schließlich, um was es hier, in einem irdischen Leben, geht! Endlich! Das Angebot war kaum auszuschlagen. Das war die Stimme, die offenbar um meine Ängste und Nöte wusste! Die nicht immer um den heißen Brei herumredete! Würde der Teufel endlich die Welt beim Namen nennen? Der Teufel machte mir bald keine Angst, im Gegenteil, der Teufel wurde mein Verbündeter.
"Ich zeige Dir den richtigen Weg, für ein gelungenes Leben, wenn Du mir versprichst ihn niemals wieder zu verlassen!"
Das hatte ich nicht vor! Alles in meiner Macht Stehende gedachte ich zu tun! Also willigte ich ein und versprach seinen Rat für immer im Herzen zu tragen. So sprach der Teufel: "Glaub nicht an den Unsinn, den die Prediger Dir prophezeien! Tue stets nur, was Du unbedingt willst! Höre auf Dein Herz und folge Deinen Träumen! Darauf geb´ ich Dir mein Wort und Garantie: Wenn mein Rat nicht funktioniert und Du daran zu Grunde gingest, - Du selbst sein zu wollen - dann kannst Du deine Seele gerne doch behalten. Verlässt Du allerdings vorschnell meinen Weg, weil er Dir zu mühsam ist, dann ist sie mein, Dein kleines Seelchen!"
Den Satz schloss er mit einem teuflischen Kichern, aber das hat mich schon nicht mehr interessiert. Ich war der schlaflosen Nächte und Alpträume so überdrüssig, dass ich nichts lieber wollte, als endlich meinen Frieden finden. Ich wollte unbedingt, diesen Rat befolgen. Statt des Aberglaubens, sollte ich wissen, so der Teufel, gibt es nur den einen wahren Glauben, den "Glaube an dich selbst! Sei Du selbst!" - Das werde ich unbedingt versuchen - für mein Leben!
»The Devil Lies Under My Bed«
     
M., The Many
5. When It Was Sixty-Four

Die Eltern dachten wohl - wie so viele -, sie hätten den neuen Heiland geboren. Zumindest schienen die Sprösslinge der Nachkriegsgeneration mehr zu sein, als nur Nachwuchs. Die Wolken einer dunklen Vergangenheit schienen sich verzogen zu haben, der Himmel war ununterbrochen blau und wir lagen auf weißen Laken gebettet im grünen Gras der Vorstadtsiedlungen. Unsere Mütter schoben uns stolz in futuristisch gestalteten Kinderwägen vor sich her, als sollten wir frühestmöglich eine Ahnung von unserer Weltraum-Mission bekommen. So führten sie uns auf Spielplätze und setzten uns in Karussells, die die Formen und Farben des technischen Fortschritts zitierten. Sei es, als weiße Sputnik-Kugeln oder schwarz-weiße Apollo-Zigarren. Hier und jetzt schien die Zukunft ihren Anfang zu haben und wir sollten offensichtlich die Protagonisten werden. Noch nie galt die Sorge so sehr der Zukunft, wie nach dem schrecklichen Ereignis des Zweiten Weltkrieges. Die Großeltern waren die Zeugen des Schreckens geworden und deren Kinder wollten nichts mehr, als das Grauen hinter sich lassen. So wandte man sich nach vorn und musste die Kleinsten vorsichtshalber vor allem und jedem warnen. Keine Sorge schien unangebracht, um sie uns mit ins Säckchen zu packen den wir auf unseren Weg mitbekamen. Mein Vater war mit den Zwängen und Entbehrungen des Krieges aufgewachsen, aber war deshalb alles mit Vorsicht abzustempeln, wie von einem unsichtbaren Gerichtsvollzieher, noch ehe wir es selbst mit eigenen Sinnen erfahren konnten? So geriet unsere Welt manchmal ziemlich kleinteilig, bei aller Fortschrittsgläubigkeit. Unsere Welt erschien deshalb als eine verheimlichte und verborgene und motivierte uns um so mehr unser Leben deren Aufdeckung zu widmen. Wir waren diejenigen, die sie wiederentdecken wollten. Und am Horizont dämmerte bereits Befreiung herauf, die in Form von Rock´n´Roll aus den Transistorradios unserer Eltern schallte. Wo lag eigentlich dieses San Francisco, wo ich hinkommen sollte?

Um mich von der Grübelei der Nächte abzulenken freute ich mich auf den nächsten Nachmittag! Es unterschieden sich die Nachmittage wesentlich von den Vormittagen, die ich in der Schule zubrachte. Der Vorzug der Schule war es lediglich, dass man dort Freunde traf und sich für die Nachmittage verabreden konnte, für neue Abenteuer und Spiele. Ein weiterer nicht unwesentlicher Nebeneffekt war es, dass man sich in der Nähe von Mädchen aufhalten konnte, ohne sich verdächtig zu machen. Mir war es zwar nie je in den Sinn gekommen, ein Mädchen zum nachmittäglichen Spiel einzuladen, aber mir war auch nicht klar, weshalb das so war. Es fühlte sich lediglich so an, als ginge es im Zusammentreffen mit den Mädchen irgendwie anders zu und eine Verabredung deshalb unpassend wäre. Die Buben spielten mit den Buben, die Mädchen mit den Mädchen, so war es auf dem Pausenhof. Lediglich unterbrochen von gegenseitigen Störungen und Hänseleien. Dafür war die Schule eigentlich ganz amüsant. Doch Lehrer konnte ich nie ausstehen. Sie gehörten der einschüchternden Fraktion an. Mit Einschüchterung operierten Väter, Pfarrer und eben Lehrer. Ihr sublimstes Mittel war, in Rätseln von der Zukunft zu sprechen und in Andeutungen auf einen Weg hinzuweisen, den man vermeintlich zu gehen hatte. Das schien ihre Mission, aber gar nicht mein Ding zu sein. Das machte sie mir verdächtig. Sie taten es mit einer stillschweigenden Verbundenheit und mit solchem Nachdruck, dass man erstmal gar nicht auf die Idee gekommen war, dass es noch einen anderen Weg geben könnte, um älter zu werden. Ich hatte das Gefühl, eher würde man sterben, wenn man den "richtigen" Weg verließe: "Tue das, was man von dir verlangt und alles wird gut! Auch dann, wenn du nicht weißt, was das sein soll!"

Nachmittags waren beide Eltern in der Arbeit und ich verbrachte meine glücklichsten Stunden. Ich liebte den großen Garten der Eltern und der Großeltern, mit denen wir zusammen in Nachbarschaft wohnten, in dem ich meine Spiele und eigenen Geschichten leben konnte. Das war doch eigentlich schon mein Leben! Weshalb sollte da noch etwas Anderes kommen, auf das ich zusteuern musste? Ich sah keine Notwendigkeit. Um wie vieles reicher war meine Welt, als die eigentliche?! Da war ich der Held, der Indianerhäuptling, der Supermann, der Kapitän und Kommissar. Niemand als meine Phantasie konnte mich bremsen. Ich liebte diese Nachmittage im Sommer und wünschte sie würden nie vergehen. Ich liebte den Geruch von gemähtem Gras, von gebackenem Kuchen und von Kokossonnenmilch. Beinahe täglich verbrachte ich diese Stunden mit Freunden und vergaß dabei zumeist die Zeit. Irgendwie ahnte ich, dass das das Glück sein musste, von dem so oft die Rede war.

Das alles ereignete sich in den verrückten Siebzigern: Alles sollte besser, gerechter und bunter werden! Sogar meine Oma dekorierte ihre Wohnung auf Orange um. Und das lag daran, dass 1968 die langhaarigen Hippies die Weltherrschaft übernommen hatten und der Mond zum Bewohnen nahe gerückt war. Vorausgegangen waren die Goldenen Sechzigern, in denen ich geboren war. In mir - also dem Kind, das man den Babyboomern zurechnen sollte - setzten alle größte Hoffnung. Ich schien ein Kind einer neuen Ära, "the only one", allerdings gerade so einzigartig, wie alle anderen eineinhalb Millionen Kinder, die allein in Deutschland in meinem Jahr geboren wurden: 1964. Schnell war uns klar: Wir werden es sein, die den Mond später einmal mit unseren Glaskuppelhäusern und Raketenlandeplätzen besiedeln werden. Unsere Kinder werden dereinst mit ihren Elektrorollern in Mondkratern ihre Runden drehen. Bis dahin sind sämtliche Krankheiten, wenn nicht ausgerottet, so doch zumindest jederzeit heilbar. Das Mobiltelefon werden wir ebenfalls erfinden, wie den Tricorder zur Analyse jedes Problems, das uns noch geblieben sein wird. Anything goes … hieß unsere Devise.
Doch ich entdeckte auch, dass es mehr Welten gab, als nur diese einzige Zumutung, die mir meine Zeit zugedacht hatte. Hier also, hatten sie mich ausgesetzt! Aber noch hatte ich ein wenig Zeit, wie mir schien. Und die nahm unversehens Fahrt auf.

 
»When It Was Sixty-Four«
     
M., Mr. MTV
6a. Y Kids R Watching TV

Eine verheißende Ahnung von der Vielzahl der Welten, die möglich waren, bekam ich, natürlich durch meinen Erstkontakt mit dem Buch. Mit Kara Ben Nemsi durchs wilde Kurdistan und mit Old Shatterhand durch den Wilden Westen. Zu den Schatzinseln und verlassensten Orten, ferne Welten wollten erkundet und befahren werden. Eine der größten Versuchungen allerdings hielt die Kiste im Wohnzimmer bereit. Das Fernsehen bot die Möglichkeit einer nahezu realen zweiten Wirklichkeit von solcher Nähe und Direktheit, dass sie mich nicht wieder losließ. Auf plausible Art und Weise konnte man tatsächlich erkennen, dass eigentlich alles möglich war, was man sich auszudenken vermochte. Mein kleines Zimmer und mein Garten beherbergten nur meine in mir gefangenen Fantasien, doch mit dem Fernsehen waren doch die Optionen für jedermann sichtbar. Wir lebten offensichtlich in einer Welt der Möglichkeiten. Die Sehnsuchtsorte hießen auf einmal Texas oder Kalifornien und in Städten wie New York und L.A. schienen sich tatsächlich Dinge zu ereignen, von denen man hier keine Ahnung zu haben schien. Und da war auch wieder dieses San Francisco! Auf dessen Straßen die Autos Luftsprünge machten und die Cops - wie die Polizisten dort hießen - nicht lange fackelten. Allein die Namen klangen wie Musik. Da ritten Little Joe und seine Cartwright-Brüder über ihre unendliche Bonanza-Ranch. Ich liebte allein den Vorspann der Serie, wenn die bildschirmfüllende Landkarte in der Mitte Feuer fing. Und dazu eine unvergessliche Western-Melodie. Wie oft habe ich das nachgestellt. Es ging aber noch weiter: Der Weltraum; und sein Zugang stand im Wohnzimmer. Samstagabend entführte mich Raumschiff Enterprise in Welten, die angeblich nie ein Mensch zuvor gesehen hatte! Es gab sie also, nicht nur in meinem Kopf die anderen Welten. Und welche, war für mich? Hatte ich eine Chance zu wählen, oder hatte man mich einfach hineingeworfen? In der Schule prahlte man dann mit den Fernsehserien und Filmen, die man gesehen hatte, und je später deren Sendetermine, desto mehr konnte man sich Respekt verschaffen. Je blutrünstiger das Gesehene, umso größer der Erwachsenenbonus! Edgar Wallace, stand ganz oben im Ranking. Die Cowboys, Sheriffs, Detektive, Kommissare und Edel-Gangster ließen träumen, schaudern und machten hoffnungsfroh auf ein spannendes Anderswo, jenseits des täglichen Zeitverschwendens.

 
»Y Kids R Watching TV«
   
M., Captain Clio, Betula
6. I Might Be Your Hero

Wenn ich dann einmal mehr des nachts erwachte und zitternd vor Angst in die Dunkelheit stierte, stürzte ich mich in meiner Not auf den Stapel mit Comicheften, der stets rettend in Reichweite lag. Niemand anderer wollte ich sein, als ein solcher Held, wie in diesen bunten Bildern beschrieben. Über Kräfte verfügen, die die Welt vermochten aus ihren Angeln zu heben, das war mein Traum in diesen Nächten. So ging ich auf Reisen mit Captain Clio, drang in Galaxien vor, deren Namen ich noch nie gehört hatte und kehrt gestählt und unverwundbar aus dem Universum zurück, um zu retten, was mir lieb und teuer war. Captain Clio war mein unerschütterlicher Weggefährte und er sollte es noch lange bleiben! Er stand mir bei, auf meinen Missionen für das Gute in der Welt. So würden alle irgendwann zu spüren bekommen, was es hieße ungerecht zu sein! Ich wartete nur auf den Moment, da sich alles Bisherige in Wohlgefallen auflöste und wir beide die Kulissen durchbrechen würden. Ich endlich mein Cape auspacken konnte, um den Kampf aufzunehmen, gegen alles und jedermann, die es nicht mit der Gerechtigkeit hielten. Ich war drauf und dran wie Batman des nachts meinen Freunden beizustehen, meine Liebe und die Welt zu retten und das Banale und Böse aus ihr zu vertreiben. Dann würde auch Betula endlich erkennen, wozu ich im Stande war. Sie würde mich vorbehaltlos lieben und meine Heldentaten verehren. Betula ging seit kurzem mit mir in die selbe Klasse. Sie hatte das weiche Gesicht eines Engels und endlos langes Haare, und wenn mich ihre großen Augen eines Blickes würdigten, tat sich für mich eine weitere ganz eigene Welt auf, die mich berührte, wie nichts zuvor. Sie schien mir die Gewissheit zu geben, dass es etwas gibt, für das es sich zu leben lohnt.

Die Chancen, dass diese Träumereien wahr werden würden, standen eigentlich nicht schlecht. Schließlich kamen wir aus dem Space-Age und die Zahl 2000 lockte mit den Verheißungen eines neuen Jahrtausends! Greifbar nahe stand uns die Zukunft. Wir konnten also noch Teil dieser Geschichten werden! Die Möglichkeit schien historisch und nur uns gegeben. Das Universum wächst mit jedem Tag und so wuchs auch meines. Es taten sich regelmäßig weitere Echokammern auf, zu denen ich Zugang suchte und in denen ich mich versuchte häuslich einzurichten. Die Musik weckte Emotionen in mir, wie es sonst nur Betula vermochte. Das Zeichnen und Beobachten lockte mich und dass ich mich für das Lesen begeisterte, hatte den ganz banalen Vorteil, es beeindruckte meine Mutter. So sehr, dass sie mir bald ungefragt den ersten Karl May-Band zuschob und im Folgenden immer wieder einen nachlegte. Ich verschlang diese Abenteuergeschichten, und wenn ich fleißig las - was ich mit Begeisterung und zunehmender Lust tat -, gab sie mir ab und an auch einen dieser faszinierenden Comic-Bände, die man am Bahnhofskiosk erstehen konnte, obendrauf.

 
»I Might Be Your Hero«
     
M., The Many
7. Never Mind

"Du brauchst einen Plan, was Du einmal werden willst!", hieß es mit einem Mal und der Auftrag zielte keineswegs auf ein Heldendasein ab. Niemand fragte schließlich, wer ich einmal werden will. Mir machte es Angst, dass offenbar alle anderen einen solchen Plan haben sollten. Da mir anscheinend niemand bei dessen Entwicklung mit dem nötigen Verständnis bei Seite stehen wollte, beobachtete ich, was die anderen taten. Da offensichtlich alle an dieser Welt ihren Spaß hatten, ging ich davon aus, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte. Auf irgendeine Weise war ich scheinbar ein Andersdenkender geworden. So fühlt es sich jedenfalls an, wenn man nicht weiß: "Ist alles so toll, wie es scheint?" Um meiner Dissonanz mit dem Geschehen um mich her Ausdruck zu geben, kleidete ich mich schwarz, trug mein Haar lang, und verweigerte mich zunehmend den üblichen Ritualen. Scheint es nur mir als unaufrichtig, wie sie sich verhalten und hinterfragt denn niemand, ob es gut oder falsch ist, alles so zu tun, wie "man" es macht. Ich distanzierte mich von dem "Man" und den Vielen. Verabredeten sich die anderen doch scheinbar nur zu sinnlosen Feiern, auf denen mit Smalltalk Freundschaft geheuchelt wurde. Am Ende aber schien jeder und jede dennoch ihre Erfüllung gefunden zu haben. War alles nur Oberfläche, oder war die Oberfläche schon alles? Als gäbe es eine Geheimsprache, die mir niemand beigebracht hatte. Waren das die Praktiken und waren Täuschen und Überlisten wiedererwarten doch eine Tugend? Während die anderen Partys veranstalten, wunderte ich mich über Freud und Leid in dieser Welt und hing meinen Frauenträumen nach. Langsam baute sich eine innere Hülle auf, die mich schützen sollte und die mich verbarg hinter einer Maske aus Coolness und Souveränität. Ich simulierte Unabhängigkeit. War man mir damals begegnet und hatte man mich gefragt, was ich mit meinem Leben anfangen will, so entgegnete ich: "Kein´ Plan!" Was nur konsequent war in einer Zeit, da die gängige Parole lautete: "No future!"

Ob es Trotz war oder nicht, ich habe es so gefühlt. Ich lief durch die Straßen und steckte nur kurz meine Nase in die Kneipen, Discos und Clubs in denen Freude und Ausgelassenheit zu herrschen schienen. Ist das Leben ein Als ob? Gibt es nirgendwo einen festen Grund? Lebten wir deshalb in diesen doppelten Welten, und war das der eigentliche Grund für den Drogenkonsum? Es war nicht cool, es war ein letzter Ausweg. Insgeheim stellte sich jeder die gleichen Fragen! Die Kunst lag nur im angemessenen Verdrängen. Was ist mit den Werten und der Gerechtigkeit, was in jeder der Geschichten, die man sich erzählte, das höchste zu erreichende Gut waren. Niemanden schien sich im echten Leben darum zu scheren oder auch nur zu interessieren. Nirgendwo hielt es mich! Ich sah überall Krieg und Streit, Anmaßung und Leid, Hunger, Sex und Unterdrückung, während allerorten von Liebe, Verständnis und gegenseitiger Hilfe gepredigt wurde! Nein, ich war fremd in dieser Welt, in der sich alle darum bemühten sich zu amüsieren. Das Leben musste ein riesiger Spaß sein, und war nur mir so fremd? Meine Freunde wurden weniger, sie hielten mich für arrogant. Ich reagierte mit einem verächtlichen "Fuck Off", und die Spirale in die Einsamkeit nahm ihren Lauf. Aber was machte das Leben lebenswert, wenn ich nicht so sein konnte, wie ich war?! Jedes Mal, wenn ich so dachte, erschein allerdings sofort ein großes Aber: Vielleicht wusste ich einfach nicht, wie ich wirklich war und was ich zu tun hatte! Wer sagte mir, ob ich nicht über jenen Schatten springen musste, der sich mir in den Weg stellt, jeden Tag wieder, dann würde sich auch mir das Glück erschließen. Nur einer blieb für immer: Der Zweifel. Niemals mich verleugnen - das stand ganz oben in meinen Geboten. Das durfte nicht geschehen, ich musste immer ich selbst sein. Die Aufrichtigkeit mir gegenüber und dem, was ich wollte, das war das Letzte, was ich aufgeben durfte! Ich schlug meinen Mantelkragen hoch und begleitete mich selbst in den Schaufenstern der Stadt und durch die Pfützen auf dem Asphalt.

 
»Never Mind«
     
  8. An Actor  
   
 
 
 
 
     
  9. When I Met You  
  Coming soon!  
 
 
     
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SYNOPSIS
 

SYNOPSIS

PART I

Dies ist die Geschichte von M.
M. ist einer von "Den" Vielen.
Geboren 1964, dem Höhepunkt der Babyboomer.

Die Zeiten sind optimistisch. Die Menschheit betritt zum ersten Mal den Mond.
Die Vielen haben sich viel vorgenommen,
weil die heraufdämmernde Wohlstandsgesellschaft in diese Generation ihre Hoffnung auf eine bessere Welt setzte!

Heute kommt M. von seiner Reha zurück. Er hat einen Selbstmordversuch überlebt.

Das ist ein Jahr her, dennoch weiß er nicht, wie er jemals wieder ein normales Leben führen soll.

M. zieht sich von der Welt zurück; lebt einzig in seinen virtuellen Welten seiner Computerspiele.

Genau dort stößt er auf ein rätselhaftes Buch. Als er beginnt darin zu lesen, saugt es ihn auf.

Er ist gezwungen die Bilder seines Lebens nochmals Revue passieren zu lassen.

Er erinnert seinen Pakt mit dem Teufel und durchlebt das Spiel noch einmal, zu dem er sich verführt sah.

 

 
HISTORY - DER HINTERGRUND
     
     
DER HINTERGRUND
ALLGEMEIN
1:

1964 werden in Deutschland so viele Kinder geboren, wie nie zuvor. Es ist der Höhepunkt und das Ende der Baby Boomer Zeit.
Gleichzeitig beginnt die Welt sich rasant zu verändern: Die dritte industrielle Revolution ist in vollem Gange, das Leben wird immer schneller, Entfernungen schrumpfen - die Welt wird zum globalen Dorf. Die Digitalisierung verdrängt bisherige, analoge Formen der Wissensspeicherung und -verbreitung: Elektronische Datenspeicherung statt Bücher und Bibliotheken, Rechenzentren statt mühsamer Berechnungen. Die Forschung und Entwicklung generiert neue Errungenschaften, neue Produkte entstehen in immer kürzeren Intervallen. Was gestern noch unmöglich erschien, rückt in greifbare Nähe oder ist im Alltag zur Normalität geworden.
Die Formen der Kommunikation und das soziale Miteinander ändern sich: Wer schreibt noch Briefe im Zeitalter der E-Mails? Wer telefoniert noch? Man trifft sich auf den Social Media Plattformen, statt in der Eckkneipe. Das gemeinsame Fußballspiel, oder Tennisturnier? Wird ersetzt durch Cloud-Gaming miteinander vernetzter Spieler: Treffpunkt zu einer beliebigen Zeit in einer virtuellen Welt, statt im Vereinsheim um acht Uhr. Jeder ist jederzeit erreichbar. Im Netz ist immer jemand da...
Die 64er erleben diese Veränderung wie keine andere Generation. Sie stehen an der Schwelle zwischen analogem und digitalem Zeitalter. Sie gehören zur ersten Generation, die mehrere industrielle Revolutionen in einem Leben miterlebt.
Wie fühlt sich diese Generation, die durch ihre große Menge eine Besonderheit im demographischen Spektrum darstellt? Wodurch ist diese Generation geprägt? Entstand ein kollektives Bewusstsein? Wie ist das Verhältnis zueinander? Konnte man aus dieser Menge herausragen, oder löste sich die Individualität in der Masse auf?

2

Sind sie Konkurrenten, die um Jobs, Beziehungen, Wohlstand ringen - oder sind sie Gleichgesinnte, mit gleichen Träumen, Wünschen und Hoffnungen, die gemeinsam für eine verheißungsvolle Zukunft arbeiten? Sind sie sich der Macht der Masse bewusst?
Es ist eine Zeit der Euphorie für die Zukunft, in und mit der sie aufwachsen, doch diese weicht einer Ernüchterung.
Desillusioniert von den tatsächlichen Bedingungen und Verhältnissen, wirtschaftlichen und politischen Ereignissen und dem Bewußtsein der Grenzen einer Einflussnahme, hält Pragmatismus Einzug in das Denken.
Der Wandel zu einer Informationsgesellschaft wird vorangetrieben. Die Digitalisierung ersetzt analoge Techniken und damit werden Träume von damals in reale Dinge umgesetzt: Der Communicator der ScienceFiction Serie "Star Trek"? - Ein Vorläufer unserer Smartphones. 3D-Druck, VR, KI, Robotik, MRT als Schlagworte für Entwicklungen und Entdeckungen, die zu Fortschritten in Industrie, Technik, Biologie, Medizin und anderen Bereichen geführt haben - die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.
Die weltweite Vernetzung und Kommunikation ist Fluch und Segen: Einerseits stehen immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit zur Verfügung, auf der anderen Seite ist diese Flut an Informationen nicht in diesem Tempo zu verarbeiten.
Quantität bedeutet jedoch nicht gleich Qualität, im Gegenteil: Es wird immer schwieriger zu differenzieren, was echt oder falsch ist, wahr oder unwahr, Tatsachen oder fake news - was ist wichtig, was nicht?
Die Möglichkeiten der Virtualisierung werden immer realistischer. Es ist ein Weg, dem realen Leben zu entfliehen. Eine weitere industrielle Revolution bahnt sich an...
Was bleibt, ist der Mensch. Was lässt ihn scheitern? Die Angst vor den Scheitern.
M. ist ein 64er, der das Buch des Lebens durchblättert und uns an seinen Erlebnissen, Träumen, Wünschen, Sehnsüchten, Enttäuschungen, Frustrationen, aber auch Hoffnungen teilhaben lässt - seinem Lifealbum.

...


 
     
     

*

IDEA BY HERMANN DIEMINGER & JÜRGEN MICK/
STORYBOOK BY »NEW HOME IDIOTICS« /
MUSIC COMPOSED BY MICK JØRGENSEN & HERMANN DIEMINGER /
SCREENPLAY BY THOMAS SCHALLER & GÜNTER SCHWEIGARD /
DRAWINGS
BY THOMAS SCHALLER /
MOTION PICTURES & MODELING CRAFT & SCENERY BY GÜNTER SCHWEIGARD /
ARTWORK BY JÜRGEN MICK /

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